Erfurt, 1. März 2026: Heute ist für Nancy Frind aus Thüringen ein besonderer Tag. Am 1. März 2022 hatte sie ihren ersten Arbeitstag bei der Liga Selbstvertretung in Thüringen und ihren ersten richtigen Job, sozialversichert und mit richtigem Lohn. Vorher hatte sie sieben Jahre lang in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet und Schritt für Schritt gemerkt, dass sie mehr kann und mehr will. Das Sozialamt hat ihr entscheidend dabei geholfen, dass sie seit vier Jahren der Förderung des Budget für Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten kann. Und Nancy Frind hat auch einen Tipp für all diejenigen, die ebenfalls sagen: "Ich will raus" - aus der Werkstatt oder dem Wohnheim: "Seid laut, sucht euch Unterstützung und nutzt eure Chancen!" kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit der engagierten Frau aus Thüringen, die immer wieder Aktzente für die Rechte behinderter Menschen und dabei besonders auch für behinderte Frauen setzt und für gute Nachrichten zur Inklusion sorgt.
kobinet-nachrichten: Erinnern Sie sich noch an den 1. März 2022? Was war an diesem für Sie so besonders?
Nancy Frind: Das ist der Tag, an dem bei der Liga Selbstvertretung Thüringen angefangen habe. Das war mein erster Tag. Ich saß in meinem Büro und habe plötzlich angefangen zu weinen – vor Freude und vor Traurigkeit zugleich. Ich hatte das Gefühl: Ich habe es geschafft. Ich bin raus aus der Werkstatt. Darauf war ich stolz. Aber gleichzeitig haben mir meine Leute gefehlt. Die Menschen, mit denen ich viele Jahre zusammengearbeitet habe. Mit denen ich gelacht habe. Mit denen ich viel erlebt habe. Und auf einmal war das alles weg. An diesen Moment erinnere ich mich besonders.
kobinet-nachrichten: Das sind jetzt also schon vier Jahre, während denen Sie außerhalb der Werkstatt für behinderte Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten. Hätten Sie und andere das damals gedacht, dass Sie in vier Jahren immer noch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten?
Nancy Frind: Ich bin jetzt tatsächlich schon seit vier Jahren auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Ehrlich gesagt hätte ich selbst nicht gedacht, dass ich das so lange schaffe. Viele haben zu mir gesagt: „Das schaffst du nicht. Nach einem halben Jahr bist du wieder zurück. Oder spätestens nach einem Jahr.“ Diese Sätze habe ich bis heute im Kopf.
Und trotzdem bin ich noch hier. Ich bin stolz auf mich, dass ich es auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geschafft habe. Es war nicht immer einfach. Ich will auch nichts schönreden. In diesen vier Jahren ist viel passiert – Gutes und Schweres. Aber ich bin drangeblieben. Ich habe durchgehalten. Und genau darauf bin ich stolz.
kobinet-nachrichten: Zuvor waren Sie ja längere Zeit in der Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt. Wie war das damals für Sie und warum haben Sie dann irgendwann gesagt „Ich will raus“ und das auch durchgezogen?
Nancy Frind: Ich war sieben Jahre in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Am Anfang war das genau der richtige Weg für mich. Ich war froh, dort zu sein, hatte Menschen um mich herum, mit denen ich mich gut verstanden habe – auch wenn es mal Streit gab. Als ich Frauenbeauftragte und Werkstatträtin wurde, hat sich etwas in mir verändert. Ich habe gemerkt, dass ich gar nicht so bin, wie ich mich lange gefühlt habe. Ich kann mehr, als man mir zugetraut hat. In meiner Rolle bin ich viel rausgegangen, habe Frauenzentren besucht und mit der Politik gearbeitet. Dort hat es bei mir „Klick“ gemacht. Ich habe Menschen kennengelernt, die an mich geglaubt haben und mir gesagt haben: Du kannst mehr. Anfangs war ich sehr schüchtern, habe bei Gesprächen oft geweint und mich schwer ausdrücken können. Aber ich bin gewachsen. Ein Vorfall in der Werkstatt, über den ich nicht sprechen möchte, hat mir letztlich gezeigt, dass ich meinen Weg verändern muss. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich noch dort. Heute bin ich dafür sogar dankbar.
Mit Unterstützung – unter anderem durch den Hinweis auf das Budget für Arbeit – habe ich den Schritt gewagt. Ich arbeite jetzt bei einem Arbeitgeber. Es gibt Höhen und Tiefen, aber ich bin meinen Weg gegangen. Und ich weiß heute: Ich kann mehr, als ich früher selbst geglaubt habe.
kobinet-nachrichten: Wenn Sie heute auf die vier Jahre Tätigkeit bei der Liga Selbstvertretung Thüringnen zurückblicken, was waren für Sie Highlights und welche Tätigkeiten sind Ihnen bei der Liga besonders wichtig?
Nancy Frind: Wenn ich zurückblicke, in der Liga Selbstvertretung zu arbeiten, dann merke ich, wie viel ich über mich gelernt habe. Ich lasse mir nicht alles sagen und kann klar für meine Meinung einstehen. Für mich ist es ein Highlight, dass ich selbstständig arbeiten kann – meine Arbeit eigenständig plane, Lobbyarbeit auf Landes- und Bundesebene mache, Veranstaltungen organisiere und Workshops gebe. Besonders wichtig ist mir der direkte Austausch mit Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen – selbstbestimmt und auf Augenhöhe. Die Selbstständigkeit und die Lobbyarbeit machen mich glücklich, stärken mich und zeigen mir immer wieder, warum ich diesen Weg gehe.
kobinet-nachrichten: Wahrscheinlich gab es auch immer wieder Zeiten, in denen es Ihnen nicht so gut ging, wo Sie Unterstützung brauchten. Was hat Ihnen dabei besonders geholfen?
Nancy Frind: Ja, es gibt Zeiten, da ging es mir nicht gut – und das ist heute noch manchmal so. Gerade jetzt erlebe ich wieder intensive Phasen. Ich habe Unterstützung von meinen Freunden, Bekannten und meiner Familie bekomme, die mich aufgebaut haben. Besonders dankbar bin ich für Andrea, meine Vertrauensperson in der Liga Selbstvertretung. Sie hat mich von Anfang an begleitet und mir gezeigt, dass ich ein Mensch bin, auch wenn wir uns mal nicht einig sind.
Ganz wichtig ist auch das Sozialamt in Erfurt, das mich schon in den ersten zwei Jahren und auch heute noch unterstützt. Außerdem habe ich zwei ehrenamtliche Assistenten, die mich im Arbeitsalltag unterstützen. Heute kann ich vieles selbst erledigen – Workshops planen, Einladungen schreiben und vieles mehr – das ist für mich ein echtes Highlight. Ich muss nicht immer 100 Prozent geben, und es ist gut zu wissen, dass ich Menschen um mich habe, die mich unterstützen. Meine Kraftquellen sind die Natur und mein Ehrenamt. Sie geben mir Stärke, besonders wenn es mir nicht gut geht. Mein Ehrenamt macht mich stark und gibt mir Lebensfreude.
kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche für die nächsten Jahre frei hätten, welche wären das?
Nancy Frind: Mein erster Wunsch ist, meine Selbstständigkeit weiterzuführen. Ich möchte weiterhin das tun, was ich jetzt schon mache – selbstständig zu arbeiten, auf Landes- und Bundesebene Lobbyarbeit zu leisten, politische Kontakte pflegen und den Austausch mit Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen. All das, was zu meiner Arbeit dazugehört, möchte ich weiter gestalten und ausbauen.
Mein zweiter Wunsch ist, mehr in den Austausch zu kommen – wirklich miteinander zu sprechen, voneinander zu lernen und gemeinsam neue Perspektiven zu entdecken. Mir geht es darum, Gespräche auf Augenhöhe zu führen, in denen Ideen und Erfahrungen geteilt werden, und ein Miteinander zu erleben, das von gegenseitigem Lernen geprägt ist.
Das sind meine beiden Wünsche für die kommenden Jahre – und wenn es darauf ankommt, werde ich sie auch umsetzen. Wer mich kennt, weiß: Ich bin ein kleiner Dickkopf, und das wird sich nicht ändern.
kobinet-nachrichten: Welche Tipps haben Sie für behinderte Menschen, die ebenfalls sagen „Ich will raus aus der Werkstatt“?
Nancy Frind: Ich sage immer: Seid laut. Sagt klar, dass ihr raus wollt. Das ist mein wichtigster Tipp für alle, die aus einer Werkstatt raus möchten. Holt euch Unterstützung – Freunde, Bekannte, Familie. Informiert euch über Budgets für Ausbildung und Arbeit und nutzt diese Chancen, die es für Menschen mit Behinderungen gibt. Mein Weg war nicht einfach, aber laut zu sein hat mir geholfen, aus der Werkstatt zu gehen. Ich bin unbequem – und es macht Spaß, unbequem zu sein. Wenn ich laut bin, erreiche ich, was ich will. Mein Rat: Seid laut! Kämpft dafür, dass ihr rauskommt. Setzt euch zusammen, wenn ihr Mehrere seid, die dasselbe wollen. Holt euch Hilfe. Macht es möglich.
Und vergesst nicht: Redet mit uns, nicht über uns.
kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.
Für den 6. März 2026 lädt Nancy Frind übrigens zu einem Treffen von Werkstatträten, Frauenbeauftragten in Einrichtungen und Mitglieder von Wohnbeiräten zu einer Veranstaltung in die Räume der Liga Selbstvertretung Thüringen von 12:00 bis 16:00 Uhr nach Erfurt ein, an der man auch online teilnehmen kann. Anmedlungen sind noch bis zum 4. März 2026 per Mail an






